Texte / Rezensionen

Dr. Barbara Engelbach
Ute Behrend – Märchen

Präsentation anlässlich des Toyota-Fotokunstpreises 2004

"Märchen sind mehr als Kindergeschichten ... Sie entfalten grundsätzliche Wahrheiten und Weisheiten. Wenn es ein kollektives Unbewusstes gibt, so sind Märchen sicherlich dort fest verankert und wer bereit ist, sich auf sie einzulassen, kann sie überall finden – wohlwissend, dass alles immer gut ausgehen wird." U.B.

Die Kölner Künstlerin Ute Behrend, geboren 1961 in Berlin, hat 2004 den alle zwei Jahre verliehenen Toyota-Fotokunstpreis erhalten. Sie konnte die Jury mit ihren Künstlerbüchern überzeugen, von denen bereits der Band "Girls, Some Boys and Other Cookies" im Scalo-Verlag veröffentlicht ist und nun das Fotobuch "Märchen" im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint. "Märchen" ist auch die Präsentation im Museum Ludwig betitelt, für die Ute Behrend eine Auswahl von etwa 30 Fotografien aus der gleichnamigen Reihe traf.

Ob das tapfere Schneiderlein, seine Mitmenschen beeindruckt, weil diese annehmen, dass "Sieben auf einem Streich" sich auf ausgewachsene Männer und nicht auf Fliegen bezieht, oder ob die Froschkönigin ihren Ekel überwindet und dem kalten glitschigen Reptil einen Kuss gibt – mit diesen bekannten Märchen sind Bilder verbunden, die jeder erinnert. Häufig sind es gerade die einfachen Erzählstrukturen der Märchen, die eine tiefere Weisheit erahnen lassen, welche bis heute Kulturwissenschaftler, Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen beschäftigt. Solche Bilder sind jedoch in Ute Behrends Märchenbuch nicht zu finden. Ihre Fotografien illustrieren nicht Märchen, vielmehr greift die Künstlerin Märchenthemen auf, um neue Bilder zu (er)finden und diesen einen eigenen Assoziationsraum zu eröffnen.

Das Märchen der Froschkönigin erscheint zum Beispiel als Hand mit abgespreizten Fingern, bedeckt von einer grünglänzenden, glitischigen Farbmasse. Dieser Fotografie ist eine weitere gegenübergestellt, auf der zwei Mädchen in rosafarbenen Prinzessinnenkleidern zu sehen sind. Die eine hat ihren Rücken zur Kamera gekehrt, die andere ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Allusionen an das Märchen werden wachgerufen, ohne dass sich die Fotografien in einer linearen Erzählung auflösen ließen. Häufig findet Behrend ihre Motive im vertrauten Umfeld der Familie und des Freundeskreises, seltener bittet die Künstlerin Fremde, sie fotografieren zu dürfen. Alle Fotografien vermitteln eine Direktheit – nicht zuletzt über den unverwandten Blick der Porträtierten in die Kamera – , die die Frage unerheblich macht, ob es sich um gestellte oder gefundene Situationen handelt. Wie ihre Vorbilder, zum Beispiel Sally Mann, mit der sie das Interesse an Fotografien von Kindern teilt, Diane Arbus, deren Entdeckungen des Besonderen im Alltäglichen und der Verwandlung des Skurrilen zum Normalen auch in Behrends Fotografien zu finden sind, und Gary Winogrand, mit dem sie die Lust, im Flüchtigen das Allgemeingültige festzuhalten, teilt – wie diese setzt auch Ute Behrend auf die Evidenz des fotografischen Bildes.

Zugleich hat sich Ute Behrend eine eigenständige Position entwickelt, weil sie konsequent mit Bildpaaren arbeitet. Ihre Absage an das Einzelbild unterscheidet sich von Fotoreihen oder fotografische Sequenzen, für die die Auswahl der Bilder jederzeit neu zusammengestellt werden könnten oder in denen die Fotografie dem Film angenähert werden. Behrend legt ihre Bildpaare fest und behält sie in Publikationen und Ausstellungen bei. Als solche sind die Fotografien einander visuelles Echo oder Widerpart: Korrespondenzen und Gegensätze, inhaltliche wie formale Bezüge sind zu entdecken. Das visuelle Assoziationsvermögen wird gefordert, das den Sprachsystemen vorausgeht. Damit ermöglicht Ute Behrend ihren Bildpaaren einen emotionalen Resonanzboden, ohne dass sich verbalisieren ließe, wie Gefühle von Berührtsein oder Unbehagen in den Fotografien verankert sind. Das spannungsvolle Verhältnis der fotografierten Alltagssituationen einerseits zu den außerzeitlichen Erzählungen und Märchen, auf die Ute Behrend sich andererseits bezieht, wird in den aufgerufenen Assoziationen bewahrt – als ebenfalls einer Erkenntnis, die sich der Erfahrung und der Erinnerung verdankt und dem Bewußtsein entzieht.

Dr. Barbara Engelbach, Juni 2005


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