Texte / Rezensionen

Katalogtext
dem Engel auf der Spur
Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden 2003

Was haben "Astronauten " im Rhein mit einer unter einer Palme zerborstenen Lampe zu tun?
Und was eine schlafende Partygängerin neben einer Wiese mit blühendem Wollgrass? Zunächst einmal gar nichts. Es entspricht jedoch der künstlerischen Vorgehensweise von Ute Behrend, völlig voneinander unabhängiges Bildmaterial in sorgfältig ausgewählte Bildkombinationen zu fügen. In diesen dialogischen Kompositionen treten Geschichten ans Licht, die ausschließlich aus der imaginären Vorstellungswelt der Künstlerin geboren sind. Sie gerät dabei zu einer Spurenlegerin, deren fiktive Bilderzählung wiederum zum Schlüssel wird für die Vorstellungskraft des Betrachters. Wir werden in einen Erzählraum gelockt, der jenseits des sichtbar Dargestellten eine eigene Poesie und Sprache entfaltet. Der fotografische Duktus ist dokumentarisch. Erlebte Szenen, gefundene, nicht gestellte Motive werden schnappschussartig auf Zelluloid gebannt. Aus diesem Bilderschatz komponiert Ute Behrend ihre endgültigen Werke, in denen sich nicht selten Bekanntes, an sich Unspektakuläres paart und zu erstaunlichen, oft auch humorvollen Zusammenstellungen vermählt. Wurden wir in den Fotografien von Cindy Sherman und Wolfgang Tillmanns zu Voyeuren einer dem "Normalbürger" gemeinhin verschlossenen Gesellschaft, so sind wir hier grundsätzlich Reilhabende an jener Welt, in der Ute Behrend ihre Motive rekurriert. Brüche manifestieren sich in der fragmentierten Erzählweise ihrer Werke, die korrespondieren mit der Lebenserfahrung einer Generation, deren Sichtweisen durch Massenmedien, Globalisierung und Popkultur geprägt sind. Moderne Märchen, keine linearen Geschichten werden hier erzählt, augenzwinkernd und mit einem ausgeprägten Sinn für die assoziative Kraft der Bilder. In Behrends Arbeiten blitzt jene Erfahrungsmöglichkeit auf, die auf eine andere Sinnebene verweist als die rein faktische Lesbarkeit der abgebildeten Realität. Ihre Arbeiten sind ein Aufforderung an uns, diese Welt zu betreten.

Josefine Raab,Nassauischer Kunstverein


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