Texte / Rezensionen

Kerstin Stremmel
Die Kraft des Zaubers

Märchen von Ute Behrend

Aus den alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, stammen Erzählungen, deren Fundus kollektiver Bilder uns noch immer prägt. Mittlerweile gelten Märchen durchaus wieder als bildmächtige, pädagogisch weitgehend unbedenkliche Geschichten mit identifikatorischer Wirkung, die die Phantasie anregen und unter bestimmten Voraussetzungen befreiend wirken können.
Auf einfache Formeln lassen sich Ute Behrends Bilder nicht bringen, ihr geht es nicht um moralische Appelle oder die Illustration spezifischer Handlungsstrukturen. Stattdessen entsteht durch ihre Zusammenstellung von jeweils zwei Bildern ein verführerisches Spiel der Assoziationen. Dabei geht Behrend nicht historisierend vor, ihre Bilder simulieren keine ins Sentimentale gleitende, märchenhafte Vergangenheit: Die Mädchen, von der Fotografin mit besonderer Sensibilität erfasst, tragen glitzernde Polyesterkleider oder mit Blumen geschmückte Flip Flops, auf einer Torte steht ein Brautpaar aus Plastik, und in der Hand eines Kindes ist ein Ikea-Trinkbecher zu sehen. Zauber entsteht dennoch, wenn man vom Handtuch mit Rosenmotiv, mit Plastikklammern an einer Wäscheleine befestigt, über ein geknüpftes Rosenbild hin zu einem echten Rosenstrauch zu einem Mann mit einem Pressluftbohrer blättert. Alte Motive tauchen in neuen Zusammenhängen auf, man erinnert sich an die Rosenfülle um Dornröschens Schloss herum und die zum Scheitern verurteilten Versuche einer Befreiung durch rohe Kraft: Ein Bohrer kann tausendjährigen Schlaf nicht beenden. Alles kann Anlass für derart phantastische Assoziationsketten sein und erinnert an die beliebten Kinderspiele im Konjunktiv: "Ich wäre jetzt wohl ...und du würdest dann wohl..." – eine Erlösung der Prinzessin ist nicht ausgeschlossen.
Durch ihre Bilder, in denen auch klassische Märcheningredienzien wie Fliegenpilze, Waldlichtungen, Spinnräder, Bären und Rehe auftauchen, verabschiedet Behrend das Realitätsprinzip der Fotografie auf originelle Weise: Nichts ist nur was es scheint, die Fotografie ist zwar eine Spur des Dagewesenen, zugleich eröffnet sich ein Spiel mit Gesten und Erinnerungen weit über das hinaus, was vor der Kamera zu sehen war. Und all das geschieht ohne pompöse Inszenierungen, im Vertrauen auf ein Erinnerungsvermögen, das nicht nur im kindlichen Repertoire abrufbar ist. Es appelliert an Erfahrung, die beim Betrachten der Bilder körperlich spürbar wird: das Gefühl kopfüber zu hängen, während man sicher gehalten wird, Unbehagen beim Durchstreifen dichten Gebüschs, der Geschmack der Walderdbeeren, die direkt neben gefährlichen Fliegenpilzen zu sehen sind, alles kann Anlass für Geschichten werden, die sich an Details entspinnen. Leitmotivisch scheint das mit dem ersten Bild eingeleitet zu werden, der älteren Dame mit dem kleinen Mädchen am Spinnrad,
Die Magie der Bilder entsteht durch dieses Beiläufige, fast wie im Gehen Gemachte, bei dem mit jedem Schritt Geheimnisse entdeckt und, in einer gewissen Komplizenschaft mit dem Betrachter, gewahrt werden. Vielleicht kann aus Stroh ja tatsächlich Gold gesponnen werden, ganz so wirkt es jedenfalls auf Behrends Bildern, angesichts deren man sich bei der Überlegung ertappt, ob man nicht versuchsweise einen Frosch an die Wand werfen sollte. Keine schlechte Idee auch, noch mal rote Glitzerschuhe überzustreifen, auf etwaige Zeichen zu achten und die Erinnerung an Heimlichkeiten und Gefahren, Abenteuer und Erlösung zu bewahren. In den Fotografien ist diese Erinnerung aufgehoben und will nicht entzaubert werden.


Kerstin Stremmel, April 2005


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