Texte / Rezensionen

"Photnews" Juli/August 2004
Neue Märchen und Zimmerpflanzen
Sabina Schmidt Galerie, Köln
05.06.-04.9.2004

von Dennis Brudna

Märchen sind kein wirkliches Tagesthema. Für Hexen, Kobolde, Prinzessinnen allerlei Fabelgetier ist außerhalb des Reservates einer kindlich naiven Seelenwelt nur wenig Platz. Obgleich sie häufig als alltagsdienliche Allegorien und weisheitgesättigte Erfahrungssedimente wissenschaftlich aufgewertet werden, kommen sie gegen die märchenhaft verworrene Wirklichkeit nicht an. Ein Marketing - Problem-. Denn die, die uns täglich via Medien und realpolitischen Kleinkunstbühnen mit moderne "Märchen" versorgen, verfügen offensichtlich über weit raffinierter Erzählweisen als die naiv aufrechte Märchenwelt mit ihren überschaubaren Gleichungen zwischen Gut und Böse, Moralisch und Unmoralisch oder Hässlich und Schön.
Obgleich Ute Behrend gerne Geschichten erzählt, ist sie dennoch keine typische Märchentante, die sich damit begnügt, mit Hilfe ihrer Fotografien die heile Märchenwelt nachzuzeichnen. Ihr Konzept, bestimmt von Parallelitäten und grenzenloser Phantasie im Umgang mit visuellen Fundstücken, ist vielmehr eine anregende Einladung, in ein real-irreales Märchen, das nicht zwingend als Gutenachtgeschichte fungiert. Angelehnt an die Symbolik der bekannten Märchen sucht Ute Behrend auf ihren Wanderungen durch die visuelle Wunderwelt einerseits nach der typischen Romantik des tiefen Waldes, fixiert alle vorgefundenen Klischees und Assoziationen, ist aber als sensible Beobachterin zugleich in der Lage, die süßliche Märchenwelt zu öffnen und mit der realen Welt zu konfrontieren. Die entstandenen Paarungen, mit denen Ute Behrend ihre Geschichten kurzweilig erzählt, pendeln zwischen klar erkennbarer Symbolik der bekannten Märchengeschichten - mit Prinzessinnen und Prinzen, Rosenbüschen, Fröschen oder dem Wolf, als Inkarnation des Bösen, des Bedrohlichen - und einer intelektuellen, gelegentlich kryptisch anmutenden Subebene, mit aus der profanen Welt entliehenen Zeichen und Symbole, aus deren Mischung oft ein neuer, interessanter Kontext entsteht. In einem ausbalancierten Spiel aus Sein und Schein und den vom Betrachter beigesteuerten Assoziationen entsteht somit eine beeindruckend dichte Erzählung voll überraschender Momente.
Ute Behrend, geb.1961 in Berlin, ist über Jahre ihrem Konzept der Paarung von Bildern treu geblieben. Entstanden sind u.a. die Zyklen "Girls, Some Boys and Other Cookies" (1996, als Buch bei Scalo erschienen) sowie "Zimmerpflanzen" und "Märchenwelt" (2003 parallel produziert). Bei allen bisherigen Arbeitenf ällt der routinierte und phantasievolle Umgang mit teilweise inhaltlich wie formal konträrem Bildmaterial auf, das Ute Behrend jeweils über längere Zeit fotografiert, sammelt und im aufwändigen Prozess zusammenführt.

Dennis Brudna "Photnews" Juli/August 2004


Zurück